Überfüllte U-Bahnen und Hamsterkäufe in London

Britisches Gesundheitssystem in Coronakrise überfordert

26. März 2020 - 11:43 Uhr

Von Katharina Delling aus London

Die Briten lieben die NHS, ihr Gesundheitssystem. Besonders, weil es für jeden frei zugänglich ist. Doch schon vor Ausbruch der Corona-Krise waren die Hausärzte und Krankenhäuser im Land überfordert. Sechs Stunden warten in der Notaufnahme - besonders in London ist das ganz normal. Die steigenden Zahlen der Corona-Infizierten (8.077 am Mittwoch, davon 422 Tote) drohen das eh schon überlastete System jetzt zu sprengen.

Täglich 8.000 Notrufe im Londoner Rettungsdienst

Am Freitag meldete das erste Londoner Krankenhaus, dass es keine freien Betten mehr auf der Intensivstation habe. Der Londoner Rettungsdienst sucht dringend weitere Mitarbeiter, um die rund 8.000 Notrufe täglich annehmen zu können. Vor Corona riefen an besonders geschäftigen Tagen um die 5.000 Menschen an.

Genau aus diesem Grund hat sich die Britin Rebecca Sharkey dazu entschieden, ihr Baby in den Niederlanden zu bekommen. Die Britin lebte bis vor kurzem in Mailand, nach Ausbruch der Corona-Krise dort, hatten ihre Ärzte ihr aber geraten, ihr Baby woanders zu bekommen.

Rebecca Sharkey will in ihrem Heimatland kein Kind auf die Welt bringen

"Mein erster Gedanke war, nach Großbritannien zu gehen, weil meine Mutter da ist und meine Schwester dort im Krankenhaus arbeitet, aber nachdem ich mit beiden gesprochen hatte, haben sie mir gesagt, dass die Krankenhäuser jetzt schon überfordert sind - und das war vor zwei Wochen", erzählt sie im Interview mit RTL.

Ihre Schwester sagte, dass sie sich schon damit abgefunden habe, das Virus zu bekommen, da es nicht annähernd genügend Schutzmasken für Krankenhausmitarbeiter gibt. Deshalb trage sie nur eine normale OP-Maske. Eine fatale Situation, die bei Rebecca Sharkey zu einem folgenreichen Entschluss geführt hat. Sie will ihr Kind in den Niederlanden zur Welt bringen - weit weg von der eigenen Familie und weitestgehend isoliert, weil sie fürchtet, sich mit dem Virus zu infizieren. Ihre Geschichte sehen Sie im Video.

Auszubildende sind in der Pflicht

Dennoch ist die Situation in Rebecca Sharkeys Heimatland so heikel, dass tausende Bürger aushelfen müssen, um das System am Laufen zu halten. Kommende Woche sollen in Großbritannien 11.000 Sanitäter aus der Rente in ihren Job zurückkehren und über 24.000 Krankenpfleger in der Ausbildung sowie Medizinstudenten im letzten Jahr werden sich ihnen anschließen. Außerdem wurde mit Hilfe des Militärs die Messehalle, das ExCel Centre im Osten London, zu einem temporären Krankenhaus umgebaut. Ab der kommenden Woche können hier bis zu 4.000 Corona-Patienten aufgenommen werden, die 500 schwersten Fälle bekommen Betten zugeteilt.

Mehr als 250.000 Briten sind bereit zu helfen

Wie sehr die Briten in der Krise zusammenkommen und sich gegenseitig unterstützen, zeigt auch die Reaktion auf einen Aufruf von Gesundheitsminister Matt Hancock. "Wir suchen eine Viertelmillion Freiwillige, Menschen in guter Gesundheit, die der NHS beim Einkaufen und bei der Lieferung von Medikamenten helfen und diejenigen unterstützen, die sich zum Schutz ihrer eigenen Gesundheit abschirmen", sagte er am Dienstagabend. Schon Mittwochmorgen war das Ziel übertroffen: mehr als 250.000 Briten hatten sich über Nacht angemeldet, um zu helfen.