25 Jahre nach Brandanschlag von Solingen: Angela Merkel bewundert die Größe von Mevlüde Genc

30. Mai 2018 - 9:17 Uhr

Sie hört nachts noch immer die Schreie ihrer Kinder

"Lasst uns zum Guten nach vorne schauen": Das sagte Mevlüde Genc - die Frau, die in der Nacht des 29. Mai 1993 zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte verlor. Sie starben, weil das Haus der türkischstämmigen Familie in Solingen nach einem mörderischen Anschlag lichterloh brannte. Zu der zentralen Gedenkveranstaltung kam auch Bundeskanzlerin Merkel. Sie warnte vor neuerlicher Gewalt aus Rassismus oder Fremdenhass.

Eine kleine Frau mit Kopftuch wird zum Symbol menschlicher Größe

Gedenkfeier anlässlich des 25. Jahrestages des Brandanschlages von Solingen, 29.05.2018 vl: Bundeskanzlerin Dr. Angela Merke und Mevlüde Genc beim Gruppenfoto anlässlich des 25. Jahrestages des Brandanschlags von Solingen am 29.05.2018.
Angela Merkel und Mevlüde Genc.
© imago/Jörg Schüler, Jörg Schüler, imago stock&people

Die Botschaften und Gesten viele Jahre nach der barbarischen Tat tragen eine tröstende Überschrift: Solidarität mit den Angehörigen, gegenseitiger Respekt, enges Zusammenrücken. Kanzlerin Angela Merkel setzt mit ihrer Teilnahme an einer Feierstunde der NRW-Regierung in Düsseldorf ein Ausrufezeichen. In Solingen stehen Außenminister Heiko Maas (SPD) und sein Amtskollege aus Ankara, Mevlüt Cavusoglu, Seite an Seite. Die schwierigen deutsch-türkischen Beziehungen sind ausgeblendet. In den Mittelpunkt rückt eine kleine Frau mit Kopftuch, die für viele zum Symbol menschlicher Größe geworden ist, die Grauenvolles erlebt hat.

"Unser aller Mutter Mevlüde Genc", nennt sie Cavusoglu in Düsseldorf. Die heute 75-Jährige verlor bei dem fremdenfeindlichen Anschlag Familienmitglieder im Alter von 4, 9, 12, 18 und 27 Jahren. Der Jahrestag ist kräftezehrend für die Muslimin, die nachts noch immer die Schreie ihrer Kinder hört. In der NRW-Staatskanzlei am Mittag bleibt sie sich treu, mahnt in bewegenden Worten: "Lasst uns zum Guten, nach vorne schauen." Der Schmerz nehme auch nach 25 Jahren nicht ab, sagt Mevlüde Genc, die stets Türkisch spricht. Sie wünsche niemandem ein solches Leid. Alle zusammen müssten dem Hass Einhalt gebieten. Genc betonte, sie sei Teil beider Staaten, nicht nur eines Landes. "Ich bin in der Türkei geboren und in Deutschland satt geworden", sagte die 75-Jährige weiter. Sie trage keine Rache, keinen Hass gegen andere Menschen in sich. "Ausgenommen die vier Personen, die mein Heim zu einem Grab machten." Genc hatte sich immer wieder öffentlich für Versöhnung ausgesprochen.

"Auf eine unmenschliche Tat haben Sie mit menschlicher Größe reagiert"

Kanzlerin Angela Merkel dankte ihr dafür. "Auf eine unmenschliche Tat haben Sie mit menschlicher Größe reagiert. Dafür bewundern wir Sie und dafür danken wir Ihnen", sagte sie und warnte vor Rechtsextremismus. Tabubrüche von Rechtspopulisten könnten in neue Gewalt ausarten, sagte Merkel auf der Veranstaltung in der Staatskanzlei in Düsseldorf. Rechtsextremismus gehöre keineswegs der Vergangenheit an. "Zu oft werden die Grenzen der Meinungsfreiheit sehr kalkuliert ausgetestet und Tabubrüche leichtfertig als politisches Instrument eingesetzt", betonte die Kanzlerin, ohne die rechtspopulistische AfD zu nennen. Dies sei ein Spiel mit dem Feuer: "Denn wer mit Worten Gewalt sät, nimmt zumindest billigend in Kauf, dass auch Gewalt geerntet wird."

Menschen würden angefeindet und angegriffen, weil sie Asylbewerber oder Flüchtlinge seien oder weil sie dafür gehalten würden, sagte Merkel im Beisein des türkischen Außenministers Mevlüt Cavusoglu. "Solche Gewalttaten sind beschämend. Sie sind eine Schande für unser Land."

Die Männer wurden wegen Mordes verurteilt und sind wieder frei

25 Jahre nach dem rassistischen Brandanschlag von Solingen wird an diesem Dienstag mit zwei zentralen Veranstaltungen der Opfer gedacht.
25 Jahre nach Brandanschlag von Solingen: Eine Frau hält am Ort des Brandanschlags Fotos mit den Opfern in den Händen.
© dpa, Marius Becker, mb jbu

Die anschließende Gedenkfeier in Solingen wurde wegen eines heftigen Gewitters abgebrochen. Außenminister Heiko Maas (SPD) und der türkische Außenminister konnten dadurch ihre Rede nicht mehr halten. Nach dem vorbereiteten und freigegebenen Text hatte er zu mehr Zivilcourage aufrufen wollen. "Äußern wir uns, wenn wir miterleben, dass Menschen wegen ihrer Herkunft im Beruf benachteiligt werden!", appellierte er. "Mischen wir uns ein, wenn Diskussionen im Familien- und Freundeskreis in dumpfe Ressentiments abgleiten!"

In der Nacht des 29. Mai 1993 hatten vier rechtsradikale Männer das Haus der türkischstämmigen Familie Genc in Solingen angezündet. Fünf Frauen und Mädchen starben. Der Brandanschlag gilt als eines der schwersten ausländerfeindlichen Verbrechen in der Geschichte der Bundesrepublik und ließ damals in vielen Ländern Europas Ängste vor einem Wiedererstarken des Rechtsextremismus im gerade vereinigten Deutschland aufkommen. Die Männer, die 1995 wegen Mordes verurteilt wurden, sind nach abgesessener Strafe wieder frei.