22 Familienmitglieder durch Giftgasangriff verloren: Abdel Hameed Alyousef muss seine Zwillinge zu Grabe tragen

6. April 2017 - 12:02 Uhr

Nach den ersten Einschlägen lief die Familie ins Freie

Der Giftgasangriff in Chan Scheichun hat nicht nur die syrische Kleinstadt bis ins Mark erschüttert, weltweit sind Menschen geschockt. Die Zahl der Toten ist nach dem Angriff auf über 80 gestiegen, darunter auch viele Kinder. Eine Familie traf es jedoch besonders hart. Abdel Hameed Alyousef hat mindestens 22 Familienmitglieder durch das Giftgas verloren, auch seine Frau und seine beiden Kinder starben.

Als die Bomben fielen war der 29-Jährige mit seiner Frau Dalal und seinen beiden neun Monate alten Zwillingen Aya und Ahmed zuhause. Die Familie lief sofort ins Freie, doch schon nach wenigen Minuten konnte man das Gas riechen, erzählte er der Nachrichtenagentur AP. Den Zwillinge und Dalal ging es plötzlich sehr schlecht, darum brachte Abdel Hameed sie zu Sanitätern und kehrte dann noch einmal zum Angriffsort zurück, um nach anderen Familienmitgliedern zu sehen. Er glaubte, dass seine Kinder und seine Frau gut aufgehoben seien.

"Ich konnte niemanden retten. Sie sind alle tot"

Wieder zuhause angekommen, sah er, dass er für einen großen Teil seiner Familie nichts mehr tun konnte. Er fand die Leichen seiner Brüder; auch seine Neffen und eine Nichte starben. "Ich konnte niemanden retten. Sie sind alle tot", sagte er laut AP. Abdel Hameed, der einen Laden in Chan Scheichun führt, war völlig geschockt.

Doch während der Familienvater vergeblich versuchte, weitere Verwandte in Sicherheit zu bringen, starben auch seine Frau und seine beiden kleinen Kinder. Die Sanitäter konnten sie nicht mehr retten. Seine überlebenden Verwandten brachten es kaum übers Herz, dem ohnehin schon am Boden zerstörten Mann die schreckliche Nachricht zu überbringen.

Die Toten werden in einem Massengrab bestattet

Nach dem Angriff müssen nun die Toten so schnell wie möglich begraben werden. Jede betroffene Familie hat eine Stelle zugewiesen bekommen, wo die toten Angehörigen in einem Massengrab beerdigt werden können. Abdel Hameed, der selbst noch behandelt werden musste, weil auch er das giftige Gas eingeatmet hat, trug seine beiden toten Babys zu Grabe. Das Auto, mit dem er zum Friedhof gefahren wurde, war vollgeladen mit Leichen.

Die leblosen Körper seiner Zwillinge hielt der trauernde Vater die ganze Fahrt über im Arm. Er wiegte und streichelte die Babys ein letztes Mal, bevor er sie auch in das Massengrab legen musste. "Sag auf Wiedersehen, Baby, sag auf Wiedersehen", murmelte er zum Abschied.

Noch immer werden weitere Angehörige vermisst

Abdel Hameeds Cousin Alaa überlebte den Angriff nur durch einen glücklichen Zufall. Auch er war zuhause mit mehreren Familienmitgliedern, als er plötzlich vom Lärm einer Explosion ganz in der Nähe geweckt wurde. Alaas Vater ging vor das Haus, um nachzusehen, was passiert war. Draußen war überall Rauch und er sah eine Frau in der Nähe der Einschlagstelle entlanglaufen, die plötzlich zusammenbrach. Sofort schloss die Familie alle Fenster und Türen und verstopften die Ritzen mit nassen Lappen. Zum Glück wehte der Wind nicht in ihre Richtung, sonst wären wohl auch diese Menschen ausgelöscht worden.

Die Alyousefs haben mindestens 22 Verwandte verloren. Doch diese Zahl könnte weiter steigen, denn einige Familienmitglieder werden noch vermisst. "Wir haben jedes Mal Angst, noch mehr Tote zu finden, wenn wir ein Haus betreten", erzählte der Cousin Alaa.