Mehr als in der katholischen Kirche

200.000 Fälle von Kindesmissbrauch im Breitensport

Expertentagung: Kinderschutz braucht stärkere Lobby
Expertentagung: Kinderschutz braucht stärkere Lobby
© dpa, Patrick Pleul, ppl;cse tmk vfd cul

14. Juli 2019 - 13:10 Uhr

Studie der Uniklinik Ulm

Alarmierende Zahlen: Kindesmissbrauch ist im Breitensport offenbar wesentlich weiter verbreitet als vermutet. Eine hochgerechnete Anzahl von 200.000 Betroffenen ermittelte die Uniklinik Ulm in einer bislang unveröffentlichten Studie. Die Zahlen übertreffen die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche bei weitem und werfen die Frage nach Missständen in der Prävention auf.

Doppelt so viele Fälle wie in der katholischen Kirchen

"Wir haben in Deutschland ungefähr doppelt so viele Fälle im Sport wie in der katholischen Kirche", sagte Jörg Fegert, Ärztlicher Direktor der Ulmer Kinder- und Jugendpsychiatrie, dem Deutschlandfunk. Die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche werden derweil auf 114.000 beziffert. Für die Studie, über die zuerst die Zeitung Die Welt berichtete, hatte Fegerts Team rund 2.500 Menschen befragt. 

In der ARD-Dokumentation "Das große Tabu" erklärte Fegert die Resultate des Vergleichs von Sport und Kirche. "Mehr Kinder gehen in Sportvereine und deswegen ist es nicht verwunderlich, dass wir im Bereich des Sport ungefähr doppelt so viele Betroffene haben wie im Bereich der Kirchen." Die Öffentlichkeit konzentriere sich jedoch mehr auf die Kirche, "weil man sich sehr viel über die Missbrauchsfälle in den Kirchen unterhalten hat. Deswegen haben wir hier noch eine Bewusstseinsentwicklung nötig", so Fegert. 

Verbände müssen Schutzmaßnahmen umsetzen

Bereits im Jahr 2017 hatte die Ulmer Uniklinik im Zuge des Forschungsprojekts "Safe Sport" 1800 Athleten aus dem Leistungssport zu ihren Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch befragt. Der Anteil der Betroffenen lag damals bei einem Drittel. Die neuen Zahlen und Erkenntnisse werfen Zweifel auf, ob aus der Vergangenheit gelernt wurde. Gerade hinter dem Thema Vorbeugung steht auf politischer Ebene bislang noch ein Fragezeichen.

"Das i-Tüpfelchen muss sein, dass bis zum Mai 2021 in den Satzungen die Bekämpfung und Prävention einen Leitbildcharakter haben muss", sagte Markus Kerber, Staatssekretär im für den Sport zuständigen Bundesinnenministerium. Wenn die Verbände die Schutzmaßnahmen nicht umsetzen, soll ihnen Förderung gestrichen werden. Wie dies geprüft wird, ist unklar. Kerber sprach von "Vorüberlegungen, wie ein Sanktionsmechanismus aussehen müsste", beim Thema Prüfung blieb er jedoch blank.

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Sportpolitik in der Pflicht

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) gab sich im Bezug auf eine Einführung besserer Kontrollmaßnahmen optimistisch: "Ich glaube, dass wir da einen partnerschaftlichen Weg finden werden, um genau das am Ende des Tages umzusetzen", sagte DOSB-Vorstandsmitglied Jan Holze. Gleichzeitig gab er jedoch auch zu verstehen, dass die Eigenerklärung der Verbände zum besseren Schutz vor Missbrauch "erst seit diesem Jahr" verpflichtend sei "und sich noch nicht alle Fragen so klären konnten wie vielleicht gewünscht."

Experten wie die Soziologin Bettina Rulofs mahnen die sportpolitischen Entscheidungsträger zu mehr Hartnäckigkeit in der Durchsetzung. So sei es abzuwarten, ob die Einführung präventiver Maßnahmen "eine Frage der Ehre und des Glaubens und des Vertrauens bleibt, dass dies auch in den Verbänden dann umgesetzt wird, oder ob das BMI vielleicht zum Beispiel stichprobenartig auch Kontrollen durchführt".