RTL-Korrespondentin trifft mutige Frauen

Schwestern aus Saudi-Arabien fliehen vor ihrer Familie

19. Juli 2019 - 11:02 Uhr

Von RTL-Korrespondentin Kavita Sharma

"Wenn sie uns finden, werden sie uns umbringen", sagt uns Dalal. Gemeint ist ihre Familie. Die 20-Jährige und ihre 22 Jahre alte Schwester Dua sind zwei saudi-arabische Frauen auf der Flucht. Seit über einem Monat sind sie in Istanbul untergetaucht, in ständig wechselnden Unterkünften. Sie gehen nicht auf die Straße - all das damit sie nicht doch noch entdeckt werden.

Dua wurde schon als Kind missbraucht

Ihre Angst ist groß. Schon in Saudi Arabien gehörte Missbrauch zu ihrem Alltag, erzählen uns die Schwestern. Sie seien regelmäßig geschlagen worden. Dua sagt, ihr Bruder habe sie sexuell belästigt, als sie nur zehn Jahre alt war. Die junge Frau erzählt uns, ihre Mutter half ihr nicht, obwohl sie ihr von dem Missbrauch berichtete.

Als dann auch noch Zwangsheirat angedroht wurde, war für die beiden Schwestern endgültig klar, dass sie jetzt fliehen müssen, erzählen sie uns. Dua ist lesbisch und auch für ihre Schwester kommt einen Zwangsheirat mit einem Mann nicht in Frage, der dann ihr ganzes Leben kontrolliert. Die Familie fuhr in Urlaub in die Türkei. Als sie in Istanbul waren, rannten die beiden jungen Frauen einfach Hals über Kopf aus dem Hotel davon.

Schwestern flohen im Urlaub vor ihrer Familie

Erst irrten sie wohl durch die Straßen, dann sprangen sie in ein Taxi. Aktivisten halfen ihnen erstmal, eine Unterkunft zu finden. Die Schwestern erzählen uns, dass sie nach ihrer Flucht Anrufe und Nachrichten bekamen, um sie zur Rückkehr zu bewegen, aber sie ignorierten das alles.

Für die Schwestern bot die Türkei-Reise nämlich eine einmalige Gelegenheit, ihrer Familie zu entkommen. In Saudi-Arabien hat jede Frau lebenslang einen männlichen Vormund. Es ist erst der Vater, dann meist der Ehemann oder ein anderes männliches Familienmitglied. Dieser Vormund kann über fast alles bestimmen - auch darüber, ob eine Frau zum Beispiel reisen darf.

Frauen in Saudi-Arabien können kein unabhängiges Leben führen

Kronprinz Mohammed bin Salman
Kronprinz Mohammed bin Salman hat Saudi-Arabien etwas modernisiert. Frauen können trotzdem kein unabhängiges Leben führen.
© dpa, Bernd von Jutrczenka, bvj htf

Der Kronprinz Mohammed bin Salman hat das Königreich zwar etwas modernisiert - so dürfen Frauen jetzt zum Beispiel Auto fahren - aber es wurden auch Aktivistinnen eingesperrt, die sich für mehr Gleichberechtigung einsetzen. Trotz Reformen ist es Frauen nicht möglich, in Saudi Arabien ein unabhängiges Leben zu führen, auch weil das Prinzip der Vormundschaft weiter besteht.

Jetzt scheint es so als ob eine kleine Rebellion gegen diese Repressalien im Gange ist: In der letzten Zeit machten Fälle von Frauen immer wieder Schlagzeilen, die aus Saudi Arabien geflohen sind, schätzungsweise könnten es Hunderte pro Jahr sein.

Angst ist ein ständiger Begleiter

Soziale Medien sind ihre Waffe - so vernetzen sie sich, wenden sich an die Welt, um ihre Geschichte öffentlich zu machen, und bekommen Unterstützung. Als wir die Mädchen das erste Mal treffen, ist das in einem Hotelzimmer mit ihrem Rechtsanwalt Toby Cadman. Er wurde durch soziale Medien auf den Fall der beiden Schwestern aufmerksam und hilft den Mädchen nun umsonst.

Sie hoffen auf Asyl in einem Drittland. Die Türkei sei zu gefährlich, sagt uns Cadmann, es gäbe eine sehr aktive saudi-arabische Gemeinschaft in der Türkei. Und der Rechtsanwalt verweist auf den Fall von dem regierungskritischen saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi. Khashoggi wurde im letzten Jahr von saudi-arabischen Agenten brutal im Konsulat in Istanbul getötet.

Natürlich jagt auch das den Mädchen Angst ein. Als wir sie das zweite Mal treffen, müssen sie schon wieder ihre Sachen packen und umziehen. Das Leben auf der Flucht zehrt an ihnen, sie schlafen schlecht. Bis sich ein Land entscheidet, ihnen Asyl zu gewähren, wird diese Angst ihr ständiger Begleiter bleiben.