von Hanna Klouth, RTL-Korrespondentin in New York

15 Schießereien in 15 Stunden: Warum in New York Waffengewalt boomt

12. Juli 2020 - 19:13 Uhr

Im Video: Experte erklärt, Schießereien "wie zu Hochzeiten"

An einem Sonntagnachmittag im Juli wollte Anthony Robinson einfach noch ein bisschen Zeit mit seiner kleinen Tochter Kloe verbringen. Am Ende des Tages ist er tot. Erschossen, beim Spaziergang durch die Straßen der Bronx mit Kloe an der Hand. Ein Überwachunsgvideo zeigt, wie der Beifahrer eines dunklen Wagens plötzlich eine Waffe aus dem Fenster hält und zwei Mal abdrückt. Anthony Robinson stirbt später, er wurde nur 29 Jahre alt. Die kleine Kloe überlebt - körperlich unverletzt. Mehr dazu im Video.

New York: 15 Menschen in 15 Stunden angeschossen

Die Schießereien in der Stadt New York, sie nehmen zu. Innerhalb von 15 Stunden wurden am Wochenende 15 Menschen angeschossen. Allein in der vergangenen Woche zählte die New Yorker Polizei 43 Schießereien. Im Monat Juni gab es alleine mehr als 200. Ein Anstieg in den Sommermonaten um rund 30 Prozent ist völlig normal - in diesem Jahr ist es aber ein Anstieg um 200 Prozent.  Das sei ein sehr ungewöhnlicher Anstieg, erklärt Christopher Herrmann, Professor am New Yorker John Jay College of Criminal Justice, im Interview mit RTL.

"Vor allem in den vergangenen zwei Wochen haben wir so viele Schießereien gesehen wie zuletzt zu Hochzeiten im Jahr 1996".  Vor allem in sozial schwächeren Nachbarschaften wie der Bronx, Harlem oder auch Teilen von Brooklyn häufen sich die Vorfälle.

Bürgermeister de Blasio: "Es gibt so viele Probleme, die dort reinspielen”

 NY: Occupy the Corner rally in East Harlem Mayor Bill de Blasio speaks at Occupy the Corner rally in East Harlem in response on gun violence. Gun violence in 2020 surged by more than 100n New York City mostly in neighborhoods with high rate of pover
Bill de Blasio bei "Occupy the Corner", einer Protest-Veranstaltung gegen die ansteigende Waffengewalt
© imago images/Pacific Press Agency, Lev Radin via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Die Gründe für den Anstieg sind vielfältig. New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio macht vor allem die Corona-Pandemie für die momentane Situation verantwortlich.  "Das Gerichtssystem liegt brach, die Wirtschaft funktioniert nicht, und die Tatsache, dass alle seit Monaten eingesperrt sind. Es gibt so viele Probleme, die dort reinspielen", sagte er Anfang vergangener Woche auf einer Pressekonferenz.

Für den Commissioner der New Yorker Polizei Dermot Shae ist aber vor allem eins Schuld: die zahlreichen Entlassungen aus New Yorks berühmt-berüchtigtem Gefängnis Rikers Island. Aufgrund der hohen Corona-Ansteckungsgefahr wurden im Frühjahr zahlreiche Insassen frühzeitig entlassen.

Frei nach dem Motto: Auge um Auge, Zahn um Zahn

Christopher Herrmann zählt aber noch einen Grund auf: die Auflösung der Anti-Crime Einheit der New Yorker Polizei. Das geschah im Juni. Damit wurde die Einheit aufgelöst, die undercover darauf fokussiert ist, illegale Waffen von den Straßen zu holen. Diese Einheit aufzulösen sei ein Signal der Kapitulation, sagen Experten.

Auch die Proteste der vergangenen Wochen gegen übertriebene Polizeigewalt, der Schrei nach einer Polizeireform - all das hat nicht gerade dazu geführt, dass die Polizei momentan viel Vertrauen genießt, bestätigt Herrmann. Das führe auch dazu, dass die Menschen in bestimmten Stadtteilen, die Justiz einfach selber in die Hand nähmen. Frei nach dem Motto: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Polizisten fehlt Unterstützung, Vertrauen und Budget

 NY: Protesters continue to occupy City Hall Park Protesters camping outside City Hall demanding Mayor Bill de Blasio slash the NYPD s budget. Vocal activist protester confronts police officer New York New York United States Copyright: LevxRadin
Polizisten stehen in New York Protesten für Black Lives Matter und gegen Polizeigewalt gegenüber
© imago images/Pacific Press Agency, Lev Radin via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Mangel an Vertrauen, Kürzungen des Budgets, Kritik von allen Seiten - die Vorkommnisse der vergangenen Wochen sorgen aber auch für eins: völlig demoralisierte Polizisten, die das Gefühl haben, momentan nichts richtig machen zu können. Der ehemalige Chef der New Yorker Polizei, Joseph Esposito, erzählte in einem Interview: "Die Polizisten schauen momentan über ihre Schultern, ob bewusst oder unbewusst, und sagen, warum sollten wir uns die Mühe machen, wir bekommen eh keine Unterstützung."

In der momentanen Situation wird vor allem auch eins klar: Vertreter der Stadt und Polizei schieben sich gegenseitig die Schuld zu, wenn es darum geht, die Ursachen für den Anstieg an Gewalt zu finden. Noch klarer ist aber: nur gemeinsam lassen sich die Schießereien in den Griff bekommen.