12.7.07: Der 'Kollateral-Mord' von Bagdad

14. April 2015 - 8:04 Uhr

Von Linda Görgen

Vor fünf Jahren griffen im Irak zwei US-Kampfhubschrauber zwölf Zivilisten - darunter zwei Reporter der Nachrichtenagentur Reuters - an, ohne dass irgendeine Provokation ihrerseits vorlag. Das Militär gibt an, es sei vom Boden aus beschossen worden und habe aus Gegenwehr gehandelt. Erst als der US-Soldat Bradley Manning Aufnahmen über Wikileaks öffentlich macht, kommt heraus, dass das eine Lüge ist.

In dem rund 18-minütigen Video (siehe unten) ist zu sehen, wie eine Gruppe Zivilisten eine Straße in einem Vorort Bagdads entlang geht. Zwei von ihnen, der Reuters-Journalist Namir Nur-Eldin (22) und sein Assistent Said Chmar (40), scheinen auf den ersten Blick bewaffnet, was für diese Gegend jedoch nichts Ungewöhnliches darstellt. Der von den Soldaten als "fucking prick" bezeichnete Fotograf trägt jedoch lediglich eine Kamera um die Schulter, wie sich im Nachhinein herausstellt.

Plötzlich meldet einer der Soldaten, dass man das Feuer auf einen der beiden Hubschrauber eröffnet habe. Davon ist nichts zu sehen, scheint der Crew und dem Vorgesetzten aber egal zu sein. Dieser erteilt die Erlaubnis, auf die Menschen am Boden zu schießen. Nach wenigen Sekunden scheinen alle tot bis auf Chmar, der verletzt versucht, sich zu retten. Ein Van rollt an, zwei offenbar unbewaffnete Männer steigen aus und wollen den vierfachen Familienvater in den Wagen ziehen. Die Crew holt sich die Erlaubnis ein, erneut das Feuer eröffnen zu dürfen. Alle Männer fallen zu Boden, der Wagen wird von Kugeln durchsiebt. Es fallen Sätze wie: "Schaut euch diese toten Bastarde an!" und "Schön, schön! Gut geschossen!".

Wenig später treffen amerikanische Bodentruppen ein, die zwei verletzte Kinder finden. "Selbst schuld, wenn man die eigenen Kinder mit in die Schlacht nimmt", hört man einen Kommentar aus dem Hubschrauber.

Die Lüge wird publik

Bitten von Reuters, das Bildmaterial, auf dem zu sehen ist, wie ihre Reporter ums Leben kommen, zu erhalten, werden vom US-Militär wiederholt abgelehnt. Die Handlungen der Soldaten seien nach den Regeln des bewaffneten Konflikts und in Übereinstimmung mit den Einsatzregeln des US-Militärs verlaufen. Die Rechnung hat man allerdings ohne Manning gemacht. Als dieser das Material an Wikileaks weiterleitet, fliegt die Lüge auf.

Am 26. Mai 2010 wird Manning als Quelle von Wikileaks identifiziert und verhaftet, nachdem er sich in einem Chat dem bekannten Hacker Adrian Lamo offenbart hat. Im Prozess, dessen Auftakt Anfang Juni in den USA stattfand, hat er zugegeben, Hunderttausende Dokumente an Wikileaks übergeben zu haben - darunter das Video von dem Luftangriff und ein weiteres von einem Angriff in Afghanistan.

Er habe damit eine "öffentliche Debatte" über die amerikanische Diplomatie und Verteidigungspolitik lostreten wollen, sagte der Obergefreite bei einer Anhörung. Die Videos dokumentierten die "Realität der Konflikte in Afghanistan und Irak".

Bizarr: Manning droht lebenslange Haft, während die Schützen aus dem Helikopter ungestraft davon kamen.



Linda Görgen entdeckte schon während der Schulzeit den Journalismus für sich, als sie bei der Lokalzeitung in ihrer niederrheinischen Heimat erstmals Redaktions-Luft schnupperte. Nach dem Studium und einem Volontariat beim Fernsehen zog es sie zunächst nach London, wo sie im RTL-Außenstudio hospitierte. Sie ist bereits seit 2007 festes Mitglied der Redaktion - anfangs als Studentin, später als Redakteurin. Hier kümmert sie sich zudem um die Betreuung der Praktikanten. Nach Feierabend trifft man sie beim Sport, beim Eishockey und auf Konzerten, wenn sie nicht gerade den Koch- oder Backlöffel schwingt. Letzteres auch sehr zur Freude ihrer Kollegen.