Was ich von kölschen Bands gelernt habe

Sommergefühle im Winter: Wie Sie Ihren Körper auf "gute Laune" programmieren

RTL-Reporterin Daria Bücheler hat versucht, mit den kölschen Bands Cat Ballou, Planschemalöör und Miljö Sommergefühle zu sammeln.
RTL-Reporterin Daria Bücheler hat versucht, mit den kölschen Bands Cat Ballou, Planschemalöör und Miljö Sommergefühle zu sammeln.
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11. November 2021 - 13:57 Uhr

Woher die Sommergefühle wirklich kommen

von Daria Bücheler

Der Sommer ist nun seit zweiundsiebzig Tagen offiziell vorbei. Es wird kälter, die Natur verliert ihre Farbe und schon nachmittags wird es stockdunkel. Ich bin sicher nicht die Einzige, bei der da ein leichter Winterblues aufkommt. Zum Glück hatte ich schon im August eine Idee, wie ich diesem entgegenwirken könnte: Ich wollte Sommergefühle sammeln, um sie für den Winter zu konservieren. Für dieses Experiment habe ich mir Unterstützung von Menschen geholt, die ab dem 11.11. während des Karnevals vor allem im Rheinland dafür sorgen, dass die Welt etwas bunter und lebendiger wird: Die Musiker der kölschen Bands Cat Ballou, Planschemalöör und Miljö. Doch gemeinsam haben wir festgestellt, dass die wertvollsten Gefühle in diesem Sommer gar nicht wegen der Jahreszeit, sondern aus drei ganz anderen Gründen entstanden sind.

Ein Experiment mit Einmachglas

Es ist ein schwülwarmer Abend Anfang August, als ich die fünf Musiker der kölschen Band Cat Ballou am Rheinufer treffe. Ich trage ein überdimensionales Einmachglas mit der Aufschrift "Sommer" bei mir. Darin möchte ich – symbolisch natürlich – Sommergefühle sammeln: Die Wärme der Sonne, die Euphorie des Lebens und die zurückgewonnene Freiheit – ich hatte Angst, dass mir all das, worauf wir während des langen Lockdowns verzichten mussten, mit dem näher rückenden Winter viel zu schnell wieder verloren geht.

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Wie ich mit Cat Ballou versuche, in kurzer Zeit möglichst viele Sommergefühle zu sammeln

Deswegen sitze ich nun mit Olli, Dominik, Kevin, Hannes und Yannick nur wenige Meter vom glitzernden Rhein entfernt im Gras, um in diesem Moment all das zu fühlen, was wir für den Winter konservieren möchten. Viel Zeit haben wir dafür allerdings nicht, denn schon in einer halben Stunde müssen die Musiker zu einem Auftritt aufbrechen. Getrieben von dem imaginären Uhrzeiger, der in meinem Inneren tickt, fordere ich die Jungs auf, mir möglichst viele Gefühle zu beschreiben, die für sie gerade den Sommer ausmachen.

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Die Musiker der kölschen Band Cat Ballou sitzen gemeinsam mit RTL-Reporterin Daria auf einer grünen Wiese.
RTL-Reporterin Daria versucht mit Cat Ballou, auf einer Wiese am Rhein Sommergefühle zu sammeln.
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Wie uns ein Grashalm zur wichtigsten Erkenntnis des Abends bringt

"Also, was ich auf jeden Fall merke, ist die Sonne auf meiner Haut", meint Sänger Olli, der sich voll auf das Experiment einlässt. "Sie brennt so richtig und es wird schwitzig auf meiner Stirn. Außerdem höre ich die ganze Zeit so ein Wummern von der Festivalbühne da hinten. Hier kommt die ganze Zeit so ein Schwall von Bass an. Und ich sehe Viecher, Mücken glaube ich."

Während ich Olli zuhöre, rattert es in meinem Kopf – Schweiß, Wummern, Mücken. Nervös grübele ich, ob uns die Erinnerung daran im Winter wohl ein warmes Gefühl schenken wird und beginne, kurz an meiner Idee zu zweifeln, als Gitarrist Yannick plötzlich eine weniger nahe liegende Beobachtung macht: "Etwas, das man oft im Sommer macht – was wir alle gerade machen – ist, ein bisschen Gras auszureißen und damit herumzuspielen…" Wir schauen auf unsere Hände und beginnen zu grinsen, denn tatsächlich hält fast jeder von uns ein Büschel in der Hand.

Dann spannt Olli einen der Grashalme zwischen seinen Fingern, führt ihn zum Mund und beginnt, eine kleine Melodie darauf zu pfeifen. Ich beobachte ihn fasziniert und spüre, wie sich die Unruhe aus meinem Bauch verabschiedet. Stattdessen fühlt es sich so an, als würde langsam eine kleine Sonne in meinem Brustkorb aufgehen, die mich von innen wärmt. Als ich nun selbst versuche, einem meiner Grashalme einen Ton zu entlocken, schaffe ich es endlich so sehr in diesem Moment zu leben, dass ich die voranschreitende Zeit vergessen kann.

Der Sänger der Band Cat Ballou hält einen Grashalm vor seinem Mund und versucht, darauf ein Lied zu pfeifen.
Olli Niesen, Sänger der Band Cat Ballou, gibt ein Grashalmkonzert.
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Emotionale Wärme ist erfüllender, als die des Sommers

Keyboarder Dominik wird durch diese Situation etwas klar: "Die letzten anderthalb Jahre waren durch die Pandemie total entschleunigt. Aber bald wird bestimmt wieder der Freizeitstress mit der Arbeit zusammenkommen und dann muss man aufpassen, dass man sich davon nicht übermannen lässt, sondern auf sich hört und auf das besinnt, was man wirklich will. Dann kann man auch viel bewusster wahrnehmen und genießen."

In meinem Einmachglas möchte ich an diesem ersten Tag des Experiments also nicht die Hitze der Sonne konservieren, sondern die Erkenntnis, dass man sich in der begrenzten Zeit, die man hat, öfter bewusst auf eine Sache einlassen sollte, anstatt schnell möglichst Vielem hinterherzujagen. Die Wärme, die dabei entsteht, ist erfüllender, als die des Sommers.

Der Irrglaube, eine perfekte Bikini-Figur würde mir Sommergefühle schenken

Zwei Tage später trage ich mein Einmachglas in ein Freibad im Kölner Stadtteil Dünnwald. Hier verbringe ich heute einen Nachmittag mit der kölschen Band Planschemalöör. Damit ich dabei erfolgreich Sommergefühle sammeln kann, bin ich allerdings – so glaube ich – auf eine möglichst ansehnliche Bikini-Figur angewiesen. Denn vor allem, wenn man sich in seiner Haut wohlfühlt und anerkennende Blicke für seine Erscheinung erntet, fühlt sich so ein Besuch im Freibad richtig gut an, oder?

Ich hatte also am Tag zuvor extra noch eine Sporteinheit eingelegt und am Morgen des Treffens wenig gegessen, in der Hoffnung, mein Hintern würde dadurch straffer und mein Bauch flacher wirken. Auch mit der Auswahl meines Bikinis gab ich mir besonders viel Mühe.

Warum ich mich dank Chlor in der Nase lebendig fühle

Zum Glück, denn Juri, Pierre, Alex, Mathis und ich haben kaum unsere Handtücher im Schatten einiger Bäume ausgebreitet, als Gitarrist Pierre vorschlägt, erst einmal schwimmen zu gehen, bevor wir mit dem Interview beginnen. Doch anstatt Bewunderung zu genießen, quietsche und kreische ich, als Sänger Juri mich unter die eiskalte Dusche vor dem Becken bugsiert, wir gackern albern, als wir verbotenerweise vom Beckenrand ins Wasser hopsen und ersticken fast vor Lachen, als wir vergessen, uns dabei die Nase zuzuhalten und anschließend massenweise Chlor darin brennt.

RTL-Reporterin Daria im Schwimmbecken mit den Musikern der kölschen Band Planschemalöör.
RTL-Reporterin Daria stellt fest, dass eine tolle Bikini-Figur völlig nebensächlich ist, wenn es um einen schönen Tag im Freibad geht.
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Eine Bikini-Figur schenkt uns keine Sommergefühle, sondern Pommes mit Ketchup

Irgendwann sitzen wir tropfend und ein bisschen außer Atem auf dem aufgeheizten Beton am Rand der Liegewiese und sprechen darüber, welche Gefühle dieses Nachmittags wir am liebsten für den Winter konservieren möchten. Juri hat sofort eine Idee: "Für mich ist Sommer, wenn man Pommes mit übertrieben viel Ketchup drauf isst, die eigentlich nur gut schmecken, wenn man gerade schwimmen war."

Angetan von dieser Idee – ich hatte ja heute noch nicht viel gegessen – schnappe ich mir mein Portemonnaie und verkünde den Jungs, dass ich sie jetzt auf eine Portion Pommes einladen werde. Mit nackten Füßen tapsen wir über die Wiese bis zum Büdchen und bestellen fünf Mal Fritten mit Ketchup. Wenig später sitzen wir im Schatten auf einer Bank und genießen den fettigen, salzigen Snack. Ich lächele bis tief in meinen Bauch hinein und bin dankbar für diesen perfekten Nachmittag. Daran, welchen Eindruck meine Bikini-Figur macht, denke ich schon lange nicht mehr.

An diesem zweiten Tag des Experiments möchte ich in meinem Einmachglas also nicht das Gefühl von Aufmerksamkeit und Bewunderung konservieren, das man bekommt, wenn man im Sommer irgendwo leicht bekleidet erscheint, sondern die alberne Ausgelassenheit und den Genuss, durch die ich in diesem Sommer die Euphorie des Lebens wieder gespürt habe.

Wie ich mit Miljö dem guten Wetter hinterherjage

Drei Tage später möchte ich noch ein letztes Mal mit meinem Einmachglas losziehen. Ich bin mit der kölschen Band Miljö auf dem Dach ihres Probenraumes verabredet – klar, denn dort sind wir der Sommersonne ein Stückchen näher. Dummerweise regnet es am Tag unserer Verabredung in Strömen. In dem Glauben, die Sommergefühle, nach denen ich mich sehnte, nur bei gutem Wetter sammeln zu können, verschiebe ich unseren Termin.

Als ich eine Woche später gemeinsam mit Mike, Nils, Max, Sven und Simon auf die Dächer des Kölner Stadtteils Dellbrück hinabschaue, ist es lauwarm und eine leichte Brise weht nur ein paar Schleierwölkchen über den blauen Himmel. Doch mir wird bald klar, dass das nicht die Sommergefühle auslöst, die ich heute konservieren möchte. "Hier bekommt man das Gefühl, dass man die anderen da unten einfach mal machen lassen kann – dass man für einen kurzen Moment über den Dingen steht", meint Bassist Max.

RTL-Reporterin Daria Bücheler und die Kölner Band Miljö
Auf dem Dach des Proberaums der kölschen Band Miljö geraten RTL-Reporterin Daria und die Musiker ins Träumen.
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Warum wir die Fähigkeit zu träumen mit in den Winter nehmen möchten

An diesem Ort über den Dingen hören unsere Gedanken langsam auf, um das Übliche zu kreisen und wir beginnen, ein wenig vor uns hinzuträumen. In der Vorstellung von Schlagzeuger Simon wird dabei der entfernte Lärm einer Hauptstraße zum sanften Meeresrauschen, das er mit einem Lächeln auf den Lippen genießt. Sänger Mike hingegen meint, im Wind bereits den Herbst zu riechen und denkt dabei an seinen Geburtstag, der im Oktober auf ihn wartet.

Bassist Max ist mit seinen Tagträumen sogar schon im Winter angekommen, denn dort – vor seinem inneren Auge – entsteht gerade eine Idee, die gleichermaßen verrückt wie wunderbar ist: "Wenn demnächst Schnee liegt, dann könnten wir hier auf dem Dach doch einen Mini-Skilift installieren", scherzt er. "Dann könnten wir hier rodeln."

Ich schmunzle, als ich mir vorstelle, wie die fünf Musiker in einem winzigen Sessellift hocken und sich rauf zum Kamin ziehen lassen, um von dort mit kleinen Schlitten wieder Richtung Dachrinne zu rutschen. Ich meine: Klar, wieso nicht? Alles ist möglich!

So können wir uns auch bei schlechtem Wetter frei fühlen

Langsam beginne ich zu erkennen, dass es doch recht engstirnig von mir war anzunehmen, man könne nur bei Sonnenschein die Gefühle sammeln, die mir in diesem Sommer so wichtig sind. Die Freiheit, die wir hier oben gerade empfinden, findet zu einem großen Teil nämlich in unseren Köpfen statt. Wahrscheinlich hätten wir sie auch dann fühlen können, wenn wir uns vor einer Woche bei Regen auf die Couch im Proberaum gesetzt, durch die beschlagenen Fenster raus ins nebelige Nass geschaut und dabei unseren Träumen nachgehangen wären. An diesem letzten Tag des Experiments, Sommergefühle für den Winter zu sammeln, möchte ich also nicht das gute Wetter konservieren, sondern unsere Fähigkeit zu träumen.

Diese Gefühle können auch im Winter lebendig werden

Ein Einmachglas steht vor einem Kaminfeuer. Davor stehen drei Polaroids, auf denen ein Büschel Gras, eine Portion Pommes mit Ketchup und ein Schlitten im Schnee zu sehen sind.
Ein Grashalm, Pommes mit Ketchup und Schlittenfahren auf einem Dach - diese Symbole stehen für drei Erkenntnisse darüber, wie wir die besonderen Gefühle dieses Sommers auch im Winter spüren können.
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Am Ende haben wir in meinem Einmachglas also gar nicht die Gefühle des Sommers konserviert. Stattdessen haben wir drei Erkenntnisse darüber gesammelt, warum wir uns in jeder Jahreszeit so gewärmt, lebendig und frei fühlen können, wie ich im letzten Sommer.