104-jähriger Australier will zum Sterben in die Schweiz reisen

6. Mai 2018 - 18:39 Uhr

David Goodall ist 104 Jahre alt - und bei bestem Verstand. Das Gehirn des Botanikprofessors funktioniert auch in diesem stolzen Alter noch sehr gut. Und dieses Gehirn sagt dem Australier: Es ist Zeit zu gehen. Sterbehilfe darf er aber in Australien, wie in Deutschland übrigens auch, nicht in Anspruch nehmen. Also soll die letzte Reise seines Lebens in die Schweiz gehen.

Er schmeckt nichts mehr, und das Theaterspielen musste er auch aufgeben

HANDOUT - 02.05.2018, Australien, Perth: David Goodall (l), australischer Wissenschaftler und Professor, verabschiedet sich am Flughafen von seinem Enkel. Mit 104 Jahren hat David Goodall sich auf seine letzte Reise gemacht: Der australische Botanike
David Goodall verabschiedet sich am Flughafen von seinen Angehörigen.
© dpa, Sophie Moore, sis sab

"Ich will sterben", sagte er an seinem 104. Geburtstag Anfang April in einem Interview. "Ich bedauere es sehr, dieses Alter erreicht zu haben." Mit Unterstützung der Organisation 'Lifecircle' will er sein Leben beenden. Goodall sagt, er habe nach einem Sturz vor ein paar Monaten keine Lebensqualität mehr. Er benutzt einen Rollator, kann nicht mehr gut schmecken, riechen und sehen, was seine Arbeit am Computer einschränkt. Auch das Theaterspielen musste er aufgeben.

Von geistiger Altersschwäche kann aber keine Rede sein. Klar sagt er, was er will: "Wenn sich jemand in meinem Alter das Leben nehmen will, sollte das ok sein, ich finde, da hat sich niemand einzumischen." Es gibt in der Schweiz etwa zehn Vereine, die Sterbebegleiter stellen. Die größte Organisation dieser Art ist 'Exit'. Sie spricht wie die andere bekannte Schweizer Organisation Dignitas nicht von Sterbehilfe, sondern von "Freitodbegleitung", wie Vorstandsmitglied Jürg Wiler betont.

'Exit' gibt es seit 1982. Der Verein setzt sich für "das Selbstbestimmungsrecht des Menschen im Leben und im Sterben" ein. Er hilft Menschen etwa mit Patientenverfügungen, genau festzulegen, wie sie am Ende des Lebens behandelt werden möchten. Und er hilft Menschen beim Sterben. "Wir wissen aufgrund von Erhebungen, dass etwa drei Viertel der Bevölkerung in der Schweiz hinter der Sterbehilfe stehen", sagt Wiler. 'Exit Schweiz' hat im vergangenen Jahr 734 Menschen in den Tod begleitet.

Kritiker befürchten "Sterbetourismus"

Kritiker machen die Untastbarkeit des Lebens geltend und lehnen solche Vereine strikt ab. Der Medizinethiker Urban Wiesing und andere warnten vor der Gefahr eines "Sterbetourismus" Richtung Schweiz. Goodall machte seine Entscheidung, zum Sterben in die Schweiz zu reisen, öffentlich, um dem Thema neuen Schub zu geben. "Ich bedauere nichts, ich habe bis vor kurzem ein ziemlich gutes Leben gehabt", sagte er. Seine Tochter, die Psychologin Karen Goodall-Smith, unterstützt den Wunsch des Vaters. "Ich freue mich daran, dass er so ein langes und wunderbares Leben hatte", meinte sie vor seiner Abreise.

Der lebensmüde Mann wird in der Schweiz aber noch von zwei Ärzten auf seine Urteilsfähigkeit untersucht, bevor er in der Schweiz eine Freitodbegleitung erhalten kann. "Nur, wenn zwei Ärzte überzeugt sind, dass er 100-prozentig klar in seinem Wunsch ist, findet die Begleitung statt", sagte Erika Preisig, Ärztin und Gründerin des Vereins 'Lifecircle'. diese Hürde wird Goodall wohl noch nehmen, bevor er seine letzte Reise antritt.