Erdbeben, Tsunami, Super-GAU: So geht es den Hinterbliebenen heute

10 Jahre nach Fukushima - ein Vater erzählt: "Ich habe sie geschüttelt, aber sie ist nicht mehr aufgewacht"

11. März 2021 - 15:17 Uhr

Eine Reihe von katastrophalen Unfällen

Am 11. März bebte in Japan die Erde. Das ist im Land der aufgehenden Sonne gar nicht so ungewöhnlich. Doch was sich um 14:46 Uhr vor Ort ereignete, war nicht normal. Ein Seebeben gut 150 Kilometer vor der Küste mit der unglaublichen Stärke von 9,0 auf der sogenannten Richterskala. Ein solches Beben hatte es noch nie gegeben und das war die erste Katastrophe. Mit der Welle, die sich auf dem Meer aufbaute, entwickelte sich ein Tsunami. Kaum 45 Minuten nach dem Beben traf eine 13 bis 15 Meter hohe Flutwelle auf die Küste – die zweite Katastrophe. Und an der Küste stand das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi. Im Kraftwerk ging eine Kernschmelze vonstatten – die dritte Katastrophe. Diese Kernschmelze machte eine ganze Region unbewohnbar – bis heute. Wir haben mit Hinterbliebenden gesprochen, die ihre Lieben bis heute vermissen. So auch Noriyuki Suzuki. Er fand seine Tochter Mai (†12) zwei Tage nach dem Beben unter den Trümmern ihrer Grundschule. Seine und andere Schicksale – im Video.

Schätzungsweise an die 20.000 Tote

Als die Welle mit etwa 800 Kilometer pro Stunde die Küste trifft, werden die sechs Reaktorblöcke geflutet. Die Pumpen fallen aus, die Reaktorkühlung mit Meerwasser funktioniert nicht mehr. Im Inneren des Kraftwerks heizt es sich gnadenlos auf – es kommt zur Kernschmelze. Weil nicht mehr ordentlich gekühlt werden kann, ereignen sich auch Wasserstoff-Explosionen. So gelangt die Radioaktivität ins Freie. Fukushima wird verseucht.

10 Jahr nach dem Tsunami in Fukushima
So sah es wenige Tage nach dem Tsunami aus - eine unvorstellbare Zerstörung.
© VIA Reuters, KYODO, MJC/af /DH/dn/FW1/Karishma Singh

Die Bilanz der Katastrophe: Durch Erdbeben und Tsunami kommen etwa 18.500 Menschen ums Leben. Die genaue Todeszahl ist bis heute nicht klar, mehr als 2.000 weitere Personen sind einfach verschwunden. Wahrscheinlich vom Meer verschluckt. Gut 150.000 Menschen mussten für immer ihre Heimat verlassen – Fukushima ist wegen der hohen Strahlenbelastung auf Jahrhunderte unbewohnbar. Und eine Art Filmkulisse.

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In manchen Schränken hängt noch die Kleidung

Die Menschen mussten ihre Heimat Hals über Kopf verlassen. In den Häusern liegt noch das Spielzeug der Kinder, in den Schränken hängt die Kleidung, in den Küchen findet sich mitunter noch ungespültes Geschirr. Es ist eine skurrile Szenerie.

Hisae Unuma auf ihrem Weg zum Friedhof.
So sieht Hisae Unuma aus, wenn sie sich auf den Weg zum Friedhof ihrer Angehörigen macht.
© REUTERS, KIM KYUNG-HOON, KKH

Wenn ehemalige Bewohner nach Hause wollen, dann nur in Schutzanzügen. Hisae Unuma, eine ehemalige Anwohnerin, besucht häufiger ihre Angehörigen auf dem Friedhof. Sie lebte nur 2,5 Kilometer entfernt vom Kernkraftwerk. In dieser Zone ist menschliche Besiedlung ausgeschlossen. "Ich bin fast 70 Jahre alt, ich werde hier wohl nicht mehr leben können. Es gibt keine Basis für ein geordnetes Leben. Keine Supermärkte, keine Krankenhäuser, ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Rückkehr möglich ist", sagte Unuma bei einem Besuch mit Medien.

Tiere erobern die menschenleere Gegend zurück

Das heißt aber nicht, dass es dort kein Leben geben würde. Bäume wuchern mittlerweile aus den Gärten in die Häuser hinein oder fressen sich durch am Straßenrand geparkte Autos, die niemand mehr nutzt.

Futaba, in der Präfektur Fukushima Prefecture
Die Natur erobert sich die menschenleere Gegend zurück.
© REUTERS, KIM KYUNG-HOON, KKH

Aber auch viele zurückgelassene Tiere leben immer noch in der kontaminierten Gegend. Amerikanische Forscher haben Kamerafallen aufgestellt und stellten fest, dass viele Tiere sich die menschenleere Gegend zurückerobern. Affen, Wildschweine, Dachse, Marderhunde, Hasen, all diese Tiere genießen die Abwesenheit des Menschen. Der Strahlung sind sie natürlich dennoch ausgesetzt – und ihr Leben wird verkürzt sein.

"Habe mich entschieden, hier mit den Katzen zu sterben"

Und dann ist da noch Sakae Tako. Er weigert sich, die Gegend zu verlassen – und er kümmert sich um viele zurückgebliebene Tiere. "Feuerwehr und Polizei kamen immer wieder und fragten mich, warum ich noch hier bin. Ich sagte, ich muss mich doch um die Katzen hier kümmern. Ich werde sterben und ich habe mich dazu entschieden, dass ich hier mit diesen Katzen sterben werde", sagt er. Ein ausführliches Porträt des Katzen-Retters Sakae Tako sehen Sie im Video.