10 Jahre Hartz IV - So haben Sie die Reform erlebt

24. Februar 2017 - 15:51 Uhr

SPD plant Reform von Hartz IV

Den Leuten länger Arbeitslosengeld zahlen, bevor sie in Hartz IV abrutschen - wäre das wirklich gerechter? SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz sagt: Ja. Doch was sagen Betroffene? Unsere Reporter haben sich mit Menschen getroffen, die bereits vor zehn Jahren Hartz IV bekommen haben. Wie geht es ihnen heute? 

"Ich habe immer ein bisschen Angst gehabt, wenn ich zum Amt fahren musste"

"Ich habe immer ein bisschen Angst gehabt, wenn ich zum Amt fahren musste, und habe dann davor auch viele negative Beispiele gesehen, wo ich mir gesagt habe: Zu denen möchtest du nicht gehören. Du musst was unternehmen. Du musst wieder raus aus dem Hartz IV", sagt die ehemalige Hartz-IV-Empfängerin Betty Kahlert.

Vor zehn Jahren wurden wir auf Bettys Schicksal aufmerksam, weil sie gezwungen wurde, ein Zimmer ihrer Wohnung zu räumen. Denn als sie in Hartz IV abrutschte, wollte das Amt die Wohnung nicht mehr bezahlen: Zu groß waren die 80 Quadratmeter. Das Problem: eine kleinere Mietwohung gab es nicht. Heute kann die Lehrerin das Zimmer wieder nutzen und ihre Miete selbst zahlen. Seit neun Jahren arbeitet sie wieder.

Mandy Altstädt hat es dagegen in zehn Jahren nicht aus Hartz IV herausgeschafft. Die alleinerziehende Mutter plagen andauernde Rücken- und Schulterschmerzen. Sie kann kaum etwas heben. Das schreckt viele Chefs ab. "Manchmal stellt man sich dann schon die Frage, ob man überhaupt noch was findet. Ob das überhaupt vorangeht. Aber ich bleibe da dran", so die ehemalige Servicekraft.​

Soziale Abwertung und ständige Sorgen

Mandy jobbt jetzt ehrenamtlich, um Kontakte zu knüpfen. Beide Frauen berichten uns, dass der Weg aus Hartz IV nur über eigenes Engagement klappen kann. Als bedrückend empfinden sie die soziale Abwertung und die ständige Sorge, dass das Arbeitslosengeld 2 nicht reichen könnte. "70 Prozent der Deutschen sagen, dass sie die soziale Ungleichheit als zu hoch in unserem Land empfinden. Das sollte ein klares Zeichen an die Politik sein, dass sie diese Sorgen ernst nehmen muss", sagt Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

Hartz IV hat geholfen, die Arbeitslosenquote in zehn Jahren fast zu halbieren. Aber auch immer mehr Arbeitnehmer verdienen nicht genug zum Leben. "Die Menschen, die heute am Mindestlohn verdienen, in prekärer Beschäftigung sind, sind meist Menschen ohne Berufsabschluss - oder zumindest ohne Berufsabschluss in ihrem Bereich. Und häufig auch ohne Schulabschluss", erklärt Marcel Fratzscher weiter. Das müsse die erste Priorität sein: die Menschen zu qualifizieren.​

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Raus aus den Sorgen

Betty Kahlert war bereit, täglich zwei Stunden zu ihrer neuen Stelle zu pendeln. Das war ein Grund, warum es ihr heute besser geht als vor zehn Jahren. "Ich kann nur jedem, der sich zur Zeit in Hartz IV befindet, empfehlen: Kümmert euch, dreht euch, sucht euch Sachen. Auch wenn's nur übergangsweise erstmal was ist." Denn es könnte - wie bei der 59-jährigen Lehrerin - der Übergang raus aus den Sorgen sein.

Länger Arbeitslosengeld zahlen oder nicht? Die Betroffenen sehen das ganz unterschiedlich. Unabhängig davon bleibt weiter unklar, wie SPD-Kanzlerkandidat Schulz sein Vorhaben finanzieren möchte. Laut Politik-Experte Hajo-Schumacher sei eine Steuererhöhung nicht auszuschließen. Ein konkretes Programm will Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) in Kürze vorlegen.