1 Prozent hat mehr als die anderen 99: Wollen wir in so einer Welt leben?

20. April 2015 - 16:22 Uhr

Ungleichgewicht lähmt Kampf gegen Armut

Ausgrenzung, Diskriminierung, Angst vor Minderheiten sind aktuelle Themen. Dabei geht es meist um Hautfarbe, Rasse oder Religion. Fern ab davon gibt es eine Minderheit, die extrem erfolgreich an ihrer eigenen Ausgrenzung arbeitet, ob nun gewollt oder ungewollt ist zweitrangig. Die Rede ist von den 'Reichen'. "Wir sind die 99 Prozent" war ein Motto der Occupy-Bewegung, die2011 öffentlichkeitswirksam unter anderem auf der Wallstreet gegen die zügellose Habgier und Geschäfte einiger Finanzmanager und die ungerechte Verteilung von Vermögen aufbegehrte. 99 Prozent stand für die große Mehrheit, die insgesamt weniger am Vermögen teil hat als der eine Prozent der Reichen.

Reiche werden immer reicher
Für 80 Prozent der Bevölkerung bleiben nur 5,5 Prozent Vermögen
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Auch wenn diese 'Aufteilung' 2011 den Realitäten nahe kam, hatte sie vor allem Symbolcharakter. Seht her: Wir, die 99 Prozent, die klare Mehrheit, sind im Grunde die Minderheit, den 'ihr', der eine Prozent, nehmt den Einfluss und fällt die Entscheidungen in eurem Sinne. Wir, die 99 Prozent, die klare Mehrheit, sind nur der Rest und euch egal. Dieses symbolische Zahlenverhältnis wird im 2016 endgültig den Realitäten entsprechen.

Im kommenden Jahr werden die reichsten ein Prozent der Weltbevölkerung mehr Vermögen angehäuft haben als die restlichen 99 Prozent zusammen. Darauf wies die britische Hilfsorganisation 'Oxfam' anlässlich des am Mittwoch in Davos beginnenden Weltwirtschaftsforums hin. Oxfam-Exekutiv-Direktorin Winnie Byanyima, die in diesem Jahr als Co-Vorsitzende das Weltwirtschaftsforum mitleiten wird warnte, dass dieses extreme Ungleichgewicht den Kampf gegen die Armut auf der Welt lähmt. In Zahlen aus gedrückt stellt sich diese Armut unter anderem folgendermaßen dar: Einer von neun Menschen auf der Erde hat nicht genug zu essen, eine Milliarde Menschen müssten mit weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag zurechtkommen.

Für 80 Prozent der Bevölkerung bleiben nur 5,5 Prozent Vermögen

Dagegen steht eine enorme Steigerung des Vermögens der reichen globalen Elite. Dieser 'Elitenprozent' besaß 2009 44 Prozent, im letzten Jahr waren es bereits 48. 2016 ist die 'Schallmauer' durchbrochen. Man mag darüber streiten, ob es von großer Bedeutung ist, ob es nun 49 oder 51 Prozent sind, die sich auf die Reichsten verteilen, es ist eine Zahl von Symbolcharakter und ein Trend, das beweisen die Zahlen, die die Verteilung der anderen Hälfte beschreiben. Denn die verbleibende Hälfte ist auch nicht gerecht verteilt. Letztlich fallen aktuell 94,5 Prozent des globalen Vermögens auf gerade einmal 20 Prozent der Weltbevölkerung, die übrigen 80 Prozent besitzen also 5,5 Prozent und es wird weniger. Der Schere zwischen Arm und Reich wird immer schneller immer größer, so Byanyima.

Die Oxfam-Exekutiv-Direktorin fragt: "Wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der ein Prozent der Bevölkerung mehr besitzt als der Rest der Welt?" Und will der eine Prozent auch in dieser Welt leben? So verlockend es klingt, so reich zu sein: Die Entfremdung zwischen Armen und Reichen hat schon lange begonnen, und es gibt verschiedene Indexe (wie zum Beispiel den Robin-Hood-Index), die die Ungleichverteilung des Vermögens abbilden. Ob man nun den einen oder den anderen Index bevorzugt, die wenigen hier dargelegten Zahlen sprechen eine klare Sprache. Die Ungleichverteilung nimmt zu, gleichzeitig erzeugt sie Neid. Dieser wächst mit zunehmender Ungleichverteilung und wird ab einem gewissen Maß eine zu einer Gefährdung des sozialen Friedens. Und an diesem haben auch die Reichsten der Reiche ein Interesse, denn nur dann können sie ihren Reichtum auch genießen