1.FC Köln: Die Generation Arroganz hat ausgedient

Hat den 1. FC Köln wieder in die Spur gebracht: Trainer Holger Stanislwaski.
© Bongarts/Getty Images, Bongarts

21. September 2015 - 22:30 Uhr

Mittelmaß, das gibt es in Köln selten. Regelmäßig ist der FC in den vergangenen 15 Jahren abgestürzt. In besseren Zeiten verfiel der Verein in Euphorie. Nun geschieht, was kaum jemand für möglich gehalten hat: Der 1. FC Köln spielt nüchtern. Und erfolgreich.

Der neueste Beleg dafür ist der Sieg gegen Regensburg, bei dem sich die Mannschaft nicht aus der Ruhe bringen ließ. Führung, verschossener Elfmeter, dann der Ausgleich gegen sich – alle Voraussetzungen für ein Psychospiel mit schlechtem Ausgang. Doch in der 87. Minute setzt Köln den entscheidenden Konter, gewinnt und rückt dadurch auf den Relegationsplatz vor – und das vor dem Relegationsgipfel beim neuen Vierten 1. FC Kaiserslautern. Der Aufstieg ist näher als je zuvor in dieser Saison.

Die Starallüren der Clubvertreter beschränken sich indes auf Meldungen darüber, dass Lukas Podolski sich womöglich eine eigene Stadionloge in Müngersdorf leisten will, damit er seinem Ex-Verein als Arsenal-London-Angestellter zumindest zuschauen kann. Ansonsten sind es positive Entwicklungen, die nach außen dringen und drängen. Trainer Holger Stanislawski hat großen Anteil daran. Mit seiner Art ist er greifbar für die Fans, hanseatisch herzlich und bestimmt, ohne überflüssige Floskeln im Lokalkolorit. Seine klaren Ansagen werden geschätzt.

Greifbar ist Stanislawski auch für die sportliche Führung, die Pragmatiker Frank Schaefer und Jörg Jakobs. Sie haben den Kader vor der Saison entscheidend umgestaltet. Jetzt spielt wieder ein echtes Team für den FC statt, wie im Abstiegsjahr, eine fragmentierte Mannschaft. Deren Einzelspieler wussten, dass es in Köln viel Geld für wenig Aufwand gab. Statt Petit, Maniche und Pierre Wome tragen nun Spieler wie Timo Horn, Jonas Hector, Christian Clemens und Anthony Ujah das Trikot mit dem Geißbock. Sie prägen das Spiel der Kölner – mit einem Altersdurchschnitt von 21 Jahren.

Häufig wird darüber geschrieben und gesprochen, dass der Club launisch sei. Ein Hort der Unruhe, wo niemand kontinuierlich arbeiten könne. Nach 15 Spielen ohne Niederlage in der 2. Fußball-Bundesliga dürfte es am Rhein einigen dämmern, woran das in der Vergangenheit gelegen haben könnte: An einem anderen Selbstverständnis, im und um das Geißbockheim. Im Verein selbst hatte sich diese Erkenntnis bereits nach dem Gang in die Zweitklassigkeit durchgesetzt.

Clemens: "Jetzt sind wir die Gejagten"

Vor der ersten Spielzeit nach dem Chaos-Abstieg hieß es, die Mannschaft müsse nicht sofort wieder aufsteigen. Auf die Formulierung eines Saisonziels wurde verzichtet. Das nahm den Druck vom jungen, komplett durcheinandergewürfelten Team. Die momentane Stabilität der Mannschaft ist wie ein Zwischenergebnis dieses Kurses. Manch einen erinnert es an die Saison 1999/2000, als Trainer Ewald Lienen mit seinen Predigten über den nötigen Asketismus von Fußballprofis erfolgreich war - wenn auch spielerisch wesentlich dominanter als die Stanislawski-Elf.

Die Rückkehr von Michael Meier zum 1. FC Köln und seine im Jahr 2005 wohl gewählte Streicheleinheit für die alten Recken, die geforderte "elitäre Arroganz" im Verein, waren Gift. Es verzögerte den notwendigen Umbau des Clubs genauso wie das ständige Auf und Ab der Ligazugehörigkeit zuvor. Als Teil des Dreigestirns mit Präsident Wolfgang Overath und Trainer Christoph Daum scheiterte Meier spektakulär. Mit 25 Millionen Euro Schulden. Als Mitverursacher des erneuten Abstiegs.

Im Nachhinein ist die Geschichte dieses Trios das letzte Aufbäumen der Generation aus den 1980er Jahren. Das Jahrzehnt, als Köln den DFB-Pokal trotz Arbeitsverweigerung noch gewinnen konnte, weil es Pierre Littbarski gab. Als die Rheinländer zum Ausklang der Dekade zwei Spielzeiten in Folge Vizemeisterschaften feierten. Das ist nun vorbei. Mit den nüchternen Erfolgen wurde die "Generation Arroganz" endgültig aus Köln verabschiedet.

"Jetzt sind wir die Gejagten. Wenn wir unseren Stiefel so weiterspielen, sind wir glaube ich nicht mehr zu stoppen", sagte Christian Clemens nach dem Sieg gegen Regensburg. Der Erfolg hat das Team erstmals in dieser Saison auf Platz 3 gehievt. Clemens' Prognose klingt nicht nach Mittelmaß, aber auch nicht euphorisch, sondern realistisch. Und Realismus haben die jungen Kölner nötig, wenn es in Kaiserslautern zum vorgezogenen Showdown um Relegationsplatz 3 kommt.

Quelle: n-tv.de, Roland Peters