1:1 - Italien kauft Spanien den Schneid ab

Beim Weltmeister-Gipfel zwischen Spanien und Italien gab es keinen Sieger.
© REUTERS, JUAN MEDINA

11. Juni 2012 - 8:13 Uhr

Das Duell der Weltmeister endete ohne Sieger. Im Auftaktspiel der Gruppe C trennte sich Spanien von Italien 1:1. Dabei kaufte die defensiv ausgedünnte Squadra Azzurra, die 2006 die WM in Deutschland gewonnen hatte, dem aktuellen Titelträger durch eine taktische Meisterleistung den Schneid weitgehend ab. Die Führung durch Antonio Di Natale (61.) egalisierten die Spanier durch einen sehenswerten Treffer von Cesc Fabregas (64.), vergaben aber letztlich zu viele Chancen.

Italien musste nach dem Defensivschwund (Verletzte und anderweitig Verdächtige) in der Abwehr umdisponieren. So rückte Mittelfeldspieler Daniele de Rossi quasi als Libero und Innenverteidiger in Personalunion in die Dreierkette mit Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini.

Die Spanier, die ohne echte Spitze in die Partie gingen, übernahmen zunächst das Zepter. Wenn die tiefstehenden Azzurri mal einen Moment nicht hellwach waren, lief das Kurzpassspiel des Titelverteidigers wie am Schnürchen. Nach zehn Minuten kamen die Spanier durch David Silva, der zusammen mit Fabregas und Andres Iniesta das Offensiv-Trio bildete, gleich zweimal gefährlich vor das Tor von Gianluigi Buffon.

Doch wer dachte, Italien würde sich hier 90 Minuten wie die Maus vor der Schlange verhalten, sah sich früh getäuscht. Andrea Pirlo (14.) prüfte Weltmeister-Keeper Iker Casillas per Freistoß. Immer wieder versuchten die Italiener, ihre Stürmer Antonio Cassano und Mario Balotelli mit langen Bällen in Szene zu setzen. Das machte zwar nicht zwangsläufig gefährlich, aber es störte den Spielfluss der Spanier zunehmend – und die Italiener wurden mit der Zeit immer forscher. Ein Schuss von Cassano (23.) aus halbrechter Position gab dem Weltmeister zu verstehen: Tiqui-Taca könnt ihr gerne später auf der Playstation spielen, aber nicht mit uns.

Nach einer halben Stunde gewann das Team von Trainer Vicente del Bosque wieder ein wenig die Oberhand. Xavi, Sergio Busquets und Xabi Alonso ließen die Kugel teilweise nach Belieben durchs Mittelfeld flippern, doch ein wirkliches Durchkommen gab es nicht. Vielleicht wollten sie in Schönheit sterben. Auffällig, wie oft der Ball zum x-ten Mal quer gelegt wurde, bis er sich schließlich in der vielbeinigen Interimsabwehr der kampfstarken Italiener vollends verhedderte. Einfach mal zu schießen, auf die Idee kamen die Iberer nicht.

Ganz anders die Italiener. Mit erfrischend zielstrebigen Angriffen brachten sie die 'Furia Roja' die 38.000 Zuschauer in Danzig ein ums andere Mal in Verlegenheit. Cassano (34.) aus 12 Metern sowie ein 20-Meter-Hammer von Claudio Marchisio (36.) ließen die Alarmglocken läuten.

Kurz vor dem Pausentee wurde es noch einmal turbulent. Nach einem Ballverlust des omnipräsenten Pirlo an der Mittellinie vergab Iniesta (44.) die größte Chance zur Führung. Von der Strafraumgrenze zog der Spieler des FC Barcelona das Leder über die Latte. Auf der anderen Seite köpfte Motta (45.) den Ball aus kürzester Distanz, doch Casillas rettete glänzend.

Prandelli beweist glückliches Händchen

Di Natale; Italien
Antonio Di Natale kam, sah und traf zur zwischenzeitlichen Führung der Italiener.
© dpa, Bartlomiej Zborowski

In der 2. Halbzeit erwischten die Spanier wieder den besseren Start. Fabregas (50.) und Iniesta wenige Atemzüge später scheiterten am glänzend aufgelegten Buffon, der heute über jede Wette erhaben schien.

Aus dem Nichts dann hatte Balotelli (54.) die Riesenchance zur Führung. Ramos vertändelte den Ball an der Außenlinie an den Stürmer von Manchester City, doch der schlenderte dermaßen lässig in den gegnerischen Strafraum, dass ihn der Verteidiger von Real Madrid ohne große Anstrengung im Sechzehner wieder vom Ball trennen und seinen Fehler höchstselbst ausbügeln konnte. Die Strafe folgte stehenden Fußes: Nationalcoach Cesare Prandelli nahm den gebürtigen Ghanaer vom Feld und brachte mit Di Natale von Udinese Calcio frisches Personal – ein Wechsel, der sich nur wenige Minuten später mit dem Führungstreffer auszahlte. Pirlo (61.) spielte den Ball mit seinem Zauberschlappen elegant in die Gasse, Di Natale schnappte sich die Kugel und schlenzte sie aus zehn Minuten souverän ins lange Eck.

Doch die Spanier schlugen eiskalt zurück: Iniesta bediente Silva, der steckte mit dem Außenrist sehenswert durch auf Fabregas, der Buffon aus vollem Lauf keine Chance ließ. Mit dem Ausgleich wuchs allmählich auch die Dominanz der 'Seleccion'. Der kurz zuvor eingewechselte Fernando Torres hätte die Partie in der 75. Minute drehen und zum Matchwinner avancieren können, als er alleine auf Buffon zulief. Doch der Chelsea-Stürmer legte sich den Ball zu weit vor, so dass Buffon im Stile eines Verteidigers klären konnte.

In der Schlussviertelstunde lieferten sich beide Teams weiter einen offenen Schlagabtausch – doch auch Torres reihte sich nahtlos in die Abschlussunlust der Iberer ein. Einen Lupfer aus 23 Metern – Buffon kam zur Überraschung aller ohne Aussicht auf Erfolg aus dem Kasten gerannt – setzte der 26-Jährige (85.) über die Latte. Auf Seiten der Italiener vergab Marchisio (88.) nach schönem Doppelpass die letzte Chance zum Sieg.

Nach zwei Minuten Nachspielzeit beendete der stets umsichtige Schiedsrichter Viktor Kassai eines der bislang unterhaltsamsten Spiele der EURO mit einem herrischen Pfiff. Ein höhepunktreiches Spiel, das zwei Sieger verdient gehabt hätte.

"Wir wollten nicht nur hinten drinstehen, wir haben ein gutes Spiel gemacht und waren physisch und mental gut drauf. Es war ein sehr intensives Spiel", lobte Prandelli, Mann mit dem goldenen Joker-Händchen, seine Mannschaft nach dem Kraftakt allererster Güte und wunderte sich über den Titelverteidiger: "Wir waren überrascht, dass Spanien ohne echten Stürmer gespielt hat."

Bei den Spaniern hingegen redete man den Punkt größer, als er war. "Das war ein schweres Spiel gegen den schwersten Gruppengegner. Das Remis ist nicht schlecht, mit zwei Siegen können wir noch immer Gruppensieger werden", so Fabregas. Und Spaniens Torschütze zum Ausgleich befand: "Wir haben Charakter gezeigt."