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Gefährliche Antibabypillen: Geschädigte Frauen klagen gegen Bayer

09.01.13 17:43
Antibabypille, YAZ, Yasmin, Yasminelle, BayerEine der meistverkauften Antibabypillen weltweit gerät in Verruf: die ‚Yasmin‘-Reihe von Bayer.
Foto: deutsche presse agentur

Von Benjamin Seebach

Wohlfühl-Faktor, Beauty-Effekt und obendrein noch einen Figur-Bonus, mit diesen Schlagworten bewirbt der Pharmakonzern Bayer beispielsweise in den USA seine Antibabypillen der 'Yasmin'-Serie. Lifestyle-Versprechungen, die bei Frauen gut ankommen – und sich auch gut verkaufen. 1,07 Milliarden Euro setzte der Leverkusener Konzern 2011 weltweit mit den drospirenon-haltigen Verhütungspillen 'Yasmin', 'YAZ' und 'Yasminelle' um. Aspirin brachte im gleichen Zeitraum mit 440 Millionen weniger als die Hälfte ein. Doch der Verkaufsschlager gerät zunehmend zum Problem: In den USA hat Bayer die erste Klagewelle mit Schadenersatzzahlungen hinter sich gebracht. Auch in Deutschland haben schon zwei Frauen auf Schadenersatz und Schmerzensgeld geklagt, jetzt kommt auch noch Frankreich hinzu. Die Bedenken sind überall gleich: mit der Einnahme der Verhütungsmittel ein erhöhtes Risiko einzugehen, an einem gefährlichen Blutgerinnsel (Thrombosen) zu erkranken und möglicherweise zu sterben.

Dass bestimmte Antibabypillen gefährliche Nebenwirkungen – wie Thrombosen und Blutgefäßverschlüsse in Beinen oder Lunge (Embolien) – mit sich bringen können, ist schon länger bekannt. Doch Studien belegen, dass sich das Thromboserisiko mit den neuen Antibabypillen der dritten (mit den Wirkstoffen Gestoden und Desogestrel) und vierten Generation (mit dem Wirkstoff Drospirenon) gegenüber den früher entwickelten künstlichen Hormonen der zweiten Generation (Östrogen plus Levonorgestrel) signifikant erhöht hat. Dies geht auch aus einer Veröffentlichung unabhängiger Wissenschaftler aus dem Jahr 2009 hervor.

Der ursprüngliche Nutzen – die Schwangerschaftsverhütung – egal ob zweite, dritte oder vierte Generation, ist bei allen Pillen gleich. Die neuen Präparate sollen jedoch hormonellen Nebenwirkungen wie verstärkte Aknebildung, Gewichtszunahme und übermäßiger Körperbehaarung entgegenwirken. Für diese positiven Begleiterscheinungen zahlen Frauen einen hohen Preis – der sogar das Leben kosten kann. Aktuell spricht das Bfarm (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte) von 18 Todesfällen in Deutschland im Zusammenhang mit dem Wirkstoff Drospirenon – seit dessen Einführung im Jahr 2000. Drospirenon-haltige Pillen in Deutschland sind: 'Yasmin', 'Yasminelle' 'Yaz' (alles Produkte der Bayer AG), 'Aida' und 'Petibelle' (beides Produkte der Jenapharm GmbH, ein Tochterunternehmen der Bayer AG).

Generell sei das Risiko für gesunde Frauen, an einem Blutgerinnsel zu erkranken, sehr gering, so das Bfarm. Aber 2011 hat die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) nach einer erneuten Überprüfung der Antibabypillen der 'Yasmin'-Serie angeordnet, dass Bayer seine Warnhinweise auf den Beipackzetteln verschärfen muss. "Über Jahre hinweg stand da, Risiko von Thrombosen unbekannt", sagt Susan Tabbach. Die 33-Jährige weiß genau, wie es sich anfühlt, als Einzelfall und Quotenopfer abgetan zu werden. 2009 wurde Tabbach mit schweren Atemproblemen in die Notfallaufnahme der Universitätsklinik Aachen eingeliefert, berichtet sie. Stechende Schmerzen in der Brust, das passte so gar nicht zum Krankheitsbild einer sportlichen jungen Frau. Erst auf Drängen des Vaters führten die Ärzte einen CT-Scan bei der damals 29-Jährigen durch. Dann die Schock-Diagnose: Lungenembolie, eine leichte Lungenentzündung und Herzrhythmusstörungen.

Susan Tabbach hatte zuvor über zwei Jahre die 'Yasminelle' genommen, die ihr ihre Frauenärztin empfohlen hatte. Eineinhalb Jahre brauchte die junge Frau nach dem Krankenhausaufenthalt, um wieder auf die Beine zu kommen. Ihrem Job als Architektin konnte sie anfangs nur zwei Stunden am Tag nachgehen. "Mein Immunsystem war geschwächt, ich habe mich gefühlt wie eine alte Frau." Die Ärzte stempelten sie als Einzelfall ab.

Doch Tabbach recherchierte und fand drei weitere Frauen, deren Leidensgeschichte viele Parallelen aufzeigte. Gemeinsam mit Felicitas Rohrer, Kathrin Weigele und Nana Greiner rief sie die 'Selbsthilfegruppe Drospirenon Geschädigter' (SDG) ins Leben. Auf ihrer Internetseite 'risiko-pille.de' warnt die SDG vor Antibabypillen mit erhöhter Thrombosegefahr. "Wir fordern ein Verkaufsverbot für Pillen mit einem höheren Risiko und ein Ende der Lifestyle-Vermarktung dieser Produkte", sagt Tabbach 'RTLaktuell.de'. Zwei SDG-Frauen kämpfen mit einem Anwalt dafür, dass Bayer auch hierzulande Verantwortung übernimmt und Entschädigungszahlungen an deutsche Drospirenon-Opfer leistet. Auf Nachfrage von 'RTLaktuell.de', ob derzeit in Deutschland Schadensersatzklagen gegen die Bayer AG aufgrund drospirenon-haltiger Verhütungspillen laufen oder ob gar finanzielle Entschädigungen für Frauen geplant sind, äußerte sich der Pharmariese nicht.

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Bayer zahlt 750 Mio. Dollar an US-Klägerinnen

In den USA sieht sich Bayer schon länger einer Klagewelle von Frauen konfrontiert, die für ihre schweren gesundheitlichen Schäden die Produkte 'Yasmin' und 'Yaz' verantwortlich machen. "Am 15. Oktober 2012 waren in den USA ca. 12.400 Klagen anhängig und Bayer zugestellt. Außerhalb der USA wurden Bayer 13 Sammelklagen in Kanada zugestellt", sagte der Leiter Communications Bayer HealthCare, Helmut Schäfers. Ende Oktober teilte der Konzern mit, dass man sich ohne Anerkennung einer Haftung mit insgesamt 3.490 Klägerinnen auf einen Vergleich einigen konnte und dafür 750 Millionen Dollar gezahlt habe.

Bereits im Dezember 2011 hatte die FDA (US-Behörde für Arzneimittelzulassung und Lebensmittelüberwachung) Bayer angewiesen, die Warnhinweise in den Beipackzetteln zu verschärfen. Bei allen Pillen, in denen Drospirenon enthalten ist, muss Bayer nun darauf hinweisen, dass sie die Gefahr für Thrombosen erhöhen könnten. Aus einem Bericht der FDA aus dem April 2012 geht hervor, dass laut einigen epidemiologischen Studien das Thromboserisiko bei drospirenonhaltigen Präparaten dreimal größer ist als im Vergleich zu Produkten mit Levonorgestrel.

Laut FDA steige generell das Risiko venöser Thromboembolien in Verbindung mit Kombi-Pillen (bestehend aus zwei verschiedenen Hormonen) mit dem Alter der Frau an und sei umso größer, wenn sie raucht. Am größten sei die Gefahr einer solchen Erkrankung im ersten Jahr der Anwendung.

Mittlerweile haben die Diskussionen über die Gefahren neuerer Antibabypillen auch die französische Arzneimittelaufsicht ANSM (Agentur für Sicherheit von Medikamenten und Gesundheitsprodukten) auf den Plan gerufen. Die ANSM hat erst vor wenigen Tagen eine Überprüfung der Verschreibungspraxis von Ärzten auf den Weg gebracht. Sie will untersuchen, ob Ärzte womöglich zu häufig die Pillen der dritten und vierten Generation verschreiben, die höhere Risiken bergen.

Die Debatte ist in Frankreich neu aufgeflammt, weil eine junge Frau die Arzneimittelaufsicht und Bayer wegen schwerer Gesundheitsschäden nach Einnahme der Pille 'Meliane' verklagt hatte. Auch bei diesem Präparat handelt es sich um eine Antibabypille der dritten Generation (Wirkstoff Gestoden). Bayer will die Vorwürfe untersuchen: "Wir werden etwaige Behauptungen - sobald sie uns vorliegen - prüfen und danach über unsere nächsten Schritte entscheiden", so der Leverkusener Konzern.



Benjamin Seebach beleuchtet in der Nachrichtenredaktion von RTL interactive gerne die Hintergründe, um größere Zusammenhänge aufzuzeigen. Nach ersten Gehversuchen im Lokalfunk studierte er Journalismus an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Köln. Als Dozent bildet er inzwischen auch selbst journalistischen Nachwuchs aus. In seiner Freizeit schindet der NBA-Fan seinen Körper beim Freeletics oder beim Fußballgucken auf der Couch.

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