presenter

Soldaten mussten rohe Schweineleber essen

11.02.10

Foto: dpa bildfunk

Aufnahmerituale Fall für den Staatsanwalt

Ekelerregende Aufnahmerituale bei den Bundeswehr-Gebirgsjägern im oberbayerischen Mittenwald könnten zum Fall für den Staatsanwalt werden. „Wir werden eventuelle Straftaten zur Ermittlung an die Staatsanwaltschaft abgeben“, sagte der Kommandeur des Gebirgsjägerbataillons 233, Fred Siems. Zunächst werde aber nach dem Disziplinarrecht der Bundeswehr ermittelt. Die Gebirgsjäger gelten als Eliteeinheit der Bundeswehr.

Es geht unter anderem um Trinken bis zum Umfallen und erzwungenen Verzehr von roher Schweineleber als „Mutprobe“ vor der Aufnahme von Rekruten in eine interne Hierarchie. Die Staatsanwaltschaft in München prüft, ob ein Anfangsverdacht für Straftaten vorliegt. „Wir sind im Kontakt mit der Bundeswehr“, sagte ein Sprecher der Behörde.

Oberstleutnant Siems sagte: „Es wurde weitestgehend durch mindestens einen Soldaten bestätigt, dass viele von den Angaben wahr sind.“ Der Bundeswehrverband forderte Konsequenzen.

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der Anfang der 1990er Jahre seinen Wehrdienst in Mittenwald leistete, hat nach eigenen Angaben von den Ritualen nichts mitbekommen. „Ich hatte von solchen Praktiken keine Kenntnis“, sagte der CSU-Politiker der ‚Sächsischen Zeitung’. Nach Informationen des Wehrbeauftragten Reinhold Robbe soll es sie seit den 1980-er Jahren gegeben haben.

Gebirgsjäger aus Mittenwald gerieten bereits 2006 in die Schlagzeilen. Damals posierten sie in Afghanistan auf Fotos mit einem Totenschädel und Knochen toter Zivilisten.

Die jetzt von einem Ex-Soldaten bekanntgemachten Fälle ereigneten sich im Juni 2009. Ermittelt wird nach den Worten von Siems seit dem 4. Februar.

Von den derzeit 24 Soldaten des Hochgebirgsjägerzuges in Mittenwald sei etwa die Hälfte bereits vernommen worden, sagte der Kommandeur. Einzelne Vernehmungen dauerten bis zu vier Stunden.


Foto: dpa bildfunk
Zum Video
Rekruten mussten rohe Schweineleber essen
Zum Video  
Protokoll gefälscht
Sorge um Rosenmontagszug
Protokoll gefälscht  
Zum Video
Jetzt sollen 1.000 zusätzliche Arbeiter räumen helfen
Zum Video  
Zum Video
Opel-Chef Reilly wird konkret
Zum Video  

Schikanen fanden außerhalb der Dienstzeit statt

Siems versicherte, die Schikanen seien außerhalb der Dienstzeit nicht in der Kaserne, sondern „in freiem Gelände“ und nicht in Uniform geschehen. Betroffen seien ausschließlich Mannschaftsdienstgrade, also einfache Soldaten bis zum Oberstabsgefreiten, nicht Unteroffiziere oder Offiziere. Vorgesetzte hätten nichts gewusst.

„Ich habe von Begriffen wie ‚Fuxtest’ zum ersten Mal am 4. Februar gehört“, sagte Siems. Nach einem Bericht der ‚Süddeutschen Zeitung’ bestand dieser Test zum Aufstieg innerhalb der Hierarchie bei den Gebirgsjägern unter anderem darin, Rollmöpse mit Frischhefe zu essen. Die Folge sei heftiges Erbrechen. Bisher nicht bestätigt seien Berichte, wonach sich Soldaten vor Kletterübungen vor ihren Kameraden nackt hätten ausziehen müssen.

Siems kündigte rückhaltlose Aufklärung an. Die Wehrdisziplinarordnung gelte auch für Vergehen außerhalb der Dienstzeit und der Kaserne.

Der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch, forderte Konsequenzen: „Wenn sich das alles so bestätigt, wie es sich heute darstellt, dann müssen die zur Rechenschaft gezogen werden, die das gemacht haben, und auch diejenigen, die weggeschaut haben.“

Der Wehrbeauftragte Robbe sprach sich auf n-tv dafür aus, auch allgemeine Konsequenzen für die Ausbildung und Dienstaufsicht bei der Bundeswehr zu prüfen. Es müsse verhindert werden, dass sich solche Vorfälle wiederholen.

Das Verteidigungsministerium äußerte sich zurückhaltend zu solchen Forderungen. Allgemeine Konsequenzen könne es nur geben, wenn es auch allgemeine Verfehlungen gebe, sagte ein Ministeriumssprecher. “Dafür gibt es überhaupt keine Hinweise.“

Meinen Leuten bei wer-kennt-wen.de empfehlen