Montezemolo: Vettel kann Ferrari wie Schumacher prägen

Luca di Montezemolo, Ferrari
RTL-Reporter Jan Krebs hatte Ende August die große Ehre, Gast von Luca di Montezemolo zu sein.

Lange Zeit verkörperte er Ferrari wie kaum ein anderer, mittlerweile will Luca di Montezemolo die Olympischen Spiele 2024 nach Rom holen. RTL-Reporter Jan Krebs hat den 68-jährigen Unternehmer, der von 1991 bis 2014 Verwaltungsvorsitzender von Ferrari war, Ende August dieses Jahres in der italienischen Hauptstadt zum Interview getroffen und mit ihm über die Scuderia, Sebastian Vettel, Michael Schumacher und die Olympia-Kandidatur gesprochen.

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Herr Montezemolo, als Sie vor mehr als einem Jahr Ihren Posten als Ferrari-Chef aufgegeben haben, schienen Sie von Ihren Emotionen überwältigt. Wie geht es Ihnen heute?

Gut, ich habe Ferrari noch immer im Herzen, aber mittlerweile natürlich auch die große Herausforderung angenommen, die Olympischen Spiele 2024 nach Rom zu holen. Hier in dieser Umgebung (er dreht sich um und zeigt auf die herrlichen Grünanlagen rund um das Olympiastadion) wollen wir alles zusammenbringen: die Kultur, den Sport und die Schönheit Roms - all das ist eine große Chance für uns. Wir haben großartige Mitbewerber wie Hamburg oder Paris, aber wir sind zuversichtlich, dass Rom nach den Erfolgen von 1960 wieder gute Chancen hat, den Zuschlag zu bekommen. Dafür wollen wir alles geben.

Und Ihre Verbindung zur Formel 1?

Ich verfolge natürlich noch immer gerne die Rennen, und zwar mit großer Leidenschaft. 30 Jahre bei Ferrari, das heißt: Ich habe fast mein halbes Leben in Maranello verbracht - so etwas vergisst du nie.

Das Rot von Ferrari bleibt also immer in Ihrem Herzen. In dieser Saison haben wir einen neuen Deutschen bei Ferrari: Sebastian Vettel. Wie haben Sie Ihn zur Scuderia gelotst?

Eines vorweg: Sebastian gefällt mir als Mensch unglaublich gut. Der erste, der Werbung für ihn bei uns gemacht hat, war Michael (Schumacher). Michael meinte, dass Sebastian ein wacher Junge sei, ein gut erzogener, vertrauensvoller Junge, er ist schnell. Ich kenne ihn auch schon seit den Kart-Zeiten. Als Sebastian noch für Toro Rosso (2007-2008) fuhr, dachten wir, dass er verdammt schnell, aber noch etwas zu jung ist. Wir haben damals Leute mit etwas mehr Erfahrung gesucht und so fiel die Wahl auf Fernando Alonso, der - bitte vergessen wir das nicht - vier sehr erfolgreiche Jahre mit uns verbracht hat. Zweimal hat er den WM-Titel immerhin erst im letzten Rennen verloren, 2010 und 2012.

Aber wir hatten Sebastian immer im Hinterkopf, auch nach seinen großen Erfolgen mit Red Bull. Stefano Domenicali hatte einen engen Draht zu ihm. Irgendwann brachte er ihn mir nach Hause nach Bologna, ein feiner Kerl, gut erzogen, er brachte sogar gute Schweizer Schokolade. Er zeigte von Anfang eine große Leidenschaft für Ferrari, genauso wie Michael ihn mir damals geschildert hatte. Ich sagte zu Sebastian: 'Komm doch zu uns'. Er nannte mir die Klauseln seines Vertrages mit Red Bull. Und wir sagten: 'Nein, wir machen nichts Unkorrektes. Wir setzen uns dann wieder zusammen, wenn du aus Deinem Vertrag sauber rauskommst, wenn alles geklärt ist. Wenn die Vertragsbedingungen es zu lassen, natürlich. Wenn sie es nicht zulassen, lieber Sebastian - das Leben ist noch so lang…'

Doch dann gab es die Ausstiegs- und Wechselmöglichkeiten. Ich schickte erst Domenicali, dann Marco Mattiacci einige Male zu Sebastian, um in der Schweiz alles zu besprechen und letztendlich fanden wir zusammen. Der Korrektheit halber sagte ich in den Tagen meines Abschieds von Ferrari zu Marchionne, meinem Nachfolger als Präsident der Scuderia, dass wir mit Sebastian eine Einigung gefunden haben. Kurz danach haben wir mit Sebastian in einer Dreier-Telefonkonferenz gesprochen und alles wurde bestätigt.

Was gefällt Ihnen an ihm?

Vettel hat drei Eigenschaften, die fundamental für Ferrari sind: Erstens ist er ein fantastischer Pilot, der sowohl im Qualifying als auch im Rennen sehr, sehr stark ist. Meistens ist ein Fahrer nur hier oder nur dort stark, er in beidem.

Zweitens hat er eine Einstellung, die perfekt zu Ferrari passt: positiv, ausgeprägter Teamgeist, voller Leidenschaft, in der Hinsicht, dass er sehr offen und sehr sympathisch ist.

Und drittens ist er jung, hat andererseits aber auch Erfahrung. Er kam natürlich im richtigen Moment, um einen neuen Zyklus einzuleiten, eine neue Sieges-Ära zu gründen. Wie Niki Lauda oder Michael Schumacher kann er Teil der Geschichte von Ferrari werden. Und dazu wünsche ihm nur das Beste.

Wenn wir Sie, Signor Montezemolo, sehen, dann denken wir in Deutschland natürlich auch unweigerlich an die gemeinsamen Erfolge, die Sie mit Michael Schumacher gefeiert haben. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn wir nicht genau wissen, wie es Michael nach dem Skiunfall im Winter 2013 geht?

Michael war für Ferrari, für mich, für unser Leben fundamental. Er ist ein außergewöhnlicher Mensch, eine Person, die immer für das Team gearbeitet hat, ein Mensch, der sich gerade in den schwierigen Momenten als absoluter Teamplayer gezeigt hat. Er ist der Pilot in der Geschichte von Ferrari, der so viel wie kein anderer gewonnen hat. Er stellt einfach etwas Einzigartiges dar.

Ihn in dieser Situation zu sehen, ist furchtbar. Du weißt nicht mehr, was Du machen sollst. Also versuche ich, mir die so zahlreichen großartigen Momente noch einmal ins Leben zu rufen, die wir gemeinsam gefeiert haben. Ich denke immer an ihn, als einen außergewöhnlichen Piloten, Menschen und Freund. Ich muss auch zugeben, dass ich den Mut und die Kraft der Familie, von Corinna und den Kindern, bewundere, wie sie Michael helfen. Vom tiefsten Herzen hoffe ich ständig, bald gute Nachrichten zu hören.

Was war Ihr Highlight bei Ferrari?

Michael Schumacher, Luca di Montezemolo
Brachten Ferrari den Erfolg zurück: Michael Schumacher und Luca di Montezemolo. © Bongarts/Getty Images, Bongarts

Mein schönster Moment bei Ferrari war nicht der erste WM-Titel 2000 mit Michael Schumacher nach 21 Jahren der Abstinenz, auch nicht, als wir fünf Titel in Folge gewonnen haben. Ich hatte das Glück, in meiner Ferrari-Zeit 19 WM-Titel zu gewinnen, Einzel- und Konstrukteurstitel. Bernie Ecclestone sagt mir auch immer: 'Luca, Du bist derjenige in der Formel 1, der die meisten Meisterschaften gewonnen hat' - aber das ist nicht das Herausragende.

Nein, mein schönster Moment war der Tag, als ich Ferrari verließ. Alle Mitarbeiter waren da, alle waren bewegt, und alle haben applaudiert. In diesem Moment wird Dir bewusst, dass du eine Herausforderung gemeistert hast - ganz gleich, ob du Titel oder Rennen gewonnen hast, egal ob du schöne Autos gebaut hast oder nicht. Diese Dankbarkeit hat mich am meisten berührt, denn hinter jeder noch so außergewöhnlichen Herausforderung müssen außergewöhnliche Menschen stehen. Wenn ich von Ferrari spreche, kann ich sagen: Die Frauen und Männer von Ferrari sind das größte Vermögen dieser Firma. Es sind einzigartige Menschen, die die Kultur von Ferrari vertreten, gelebt und dabei immer nach vorne geschaut haben.

Fast ein Vierteljahrhundert bei Ferrari, nun haben Sie sich einem neuen Projekt gewidmet. Wir stehen hier vor dem Olympiastadion, in dem Deutschland vor 25 Jahren Fußball-Weltmeister wurde. Bei dieser WM waren Sie im Organisations-Komitee beteiligt, nun das Projekt 'Rom 2024'. Wieso brauchen Sie diese großen Herausforderungen?

Du brauchst im Leben gewisse Herausforderungen, du brauchst Leidenschaft, du brauchst Ziele. Aber etwas für dein Land zu machen, auch das ist mir wichtig. Die Olympischen Spiele 2024 in Rom - das ist eine große Chance für ganz Italien. Einzigartige Dinge können wir hier zusammenbringen: unsere Kultur, die Schönheit, zu allererst den Sport, die Umwelt, dabei aber auch die Kosten zu beachten - das ist eine große Herausforderung, die mich reizt.

Wie groß ist die Unterstützung seitens der Italiener, besonders der Römer?

Zunächst spüren wir von allen staatlichen Trägerschaften einen großen Rückhalt, vom Staatspräsidenten, vom Premierminister. Wir haben den IOC-Präsidenten Thomas Bach getroffen, wir alle haben unseren gemeinsamen Enthusiasmus, die gegenseitige Unterstützung für die Kandidatur zum Ausdruck gebracht. Das nationale italienische Olympia-Komitee und unser Bewerbungskomitee arbeiten intensiv in diese Richtung.

Für Rom wären diese Olympischen Spiele eine großartige Möglichkeit, um die Stadt im Großen und Ganzen - sagen wir es mal so - "zu verbessern". Wir haben das große Glück, dass 70 Prozent der Sportanlagen schon existieren, das Stadio Olimpico bis zu den Schwimm- oder Tennisanlagen hier im Foro Italico. All das ist im herrlichen Grün eingebettet, das ist wunderbar. Ich denke, Rom hat alle Voraussetzungen, um ein sehr guter Gastgeber zu sein.

Wir haben ein sehr schönes Projekt vor uns, das neben dem Fest des Sports - das ist der Haupttitel - drei Elemente vereinen soll: Kultur, Umwelt und Nachhaltigkeit. Ein Beispiel: Das Olympische Dorf soll nach den Spielen als Universitätscampus genutzt werden. All das, was wir angehen werden, wollen wir im Vorfeld klar definieren. Die Römer sehen das ein, machen mit und verstehen, dass wir mit den Olympischen Spielen die Stadt Rom aufwerten, vieles modernisieren und sie in ein neues Licht rücken werden.

Was Sie anpacken, ist meist mit großen Erfolgen einhergegangen, aber bei diesem Projekt ist die Konkurrenz mit Paris, Hamburg, Los Angeles und Budapest nicht ohne. Wie zuversichtlich sind Sie, die Olympischen Spiele nach Rom zu holen?

Es sind alles großartige Städte, denen wir großen Respekt entgegenbringen. Frankreich, Ungarn, die USA - vielleicht treiben uns diese Länder auch noch zusätzlich an. Im Leben musst Du manchmal alles geben, um zu siegen. Es ist ein riesiges Ziel für uns, für Rom, für ganz Italien, einen Monat die größten Athleten des Weltsports zu beherbergen - das ist doch einfach eine fantastische Chance, für die wir alles geben müssen und auch werden.

Herr Montezemolo, vielen Dank für das Gespräch.